Gericht/Institution:OLG Frankfurt
Erscheinungsdatum:27.11.2019
Entscheidungsdatum:07.11.2019
Aktenzeichen:17 U 290/18, 17 U 113/18, 6 U 119/18
Quelle:juris Logo
Norm:§ 849 BGB

Rechtsprechung zu den Folgen des Dieselskandals ausgeweitet

 

Das OLG Frankfurt hat mit drei Urteilen seine Rechtsprechung zu den Folgen des Dieselskandals ausgeweitet.

17 U 290/18

Das OLG Frankfurt hat entschieden, dass Käufer keinen Anspruch auf sog. Deliktszinsen ab Kaufpreiszahlung beim Erwerb eines vom sog. Dieselskandal betroffenen gebrauchten Fahrzeugs haben.

Der Kläger hatte im Mai 2013 einen gebrauchten Golf VI Variant zum Preis von 16.955 Euro erworben. Das Fahrzeug ist mit dem Diesel-Motor EA 189 ausgestattet. Zwischenzeitlich ist er mit dem Auto rund 66.670 km gefahren. Nach Bekanntwerden des Manipulationsvorwurfes hat er die Herstellerin des Fahrzeugs wegen sittenwidriger Schädigung u.a. auf Rückzahlung des Kaufpreises Zug um Zug gegen Rückgabe des Fahrzeugs in Anspruch genommen und begehrt zudem die Verzinsung des gezahlten Kaufpreises mit 4%.
Das Landgericht hatte dem Kläger einen Anspruch auf Rückzahlung des Kaufpreises abzüglich eines Nutzungsvorteils von 4.328,18 Euro für die gefahrenen Kilometer – insgesamt 12.626,82 Euro – zugebilligt.
Mit seiner Berufung wollte der Kläger zusätzlich eine Verzinsung des entrichteten Kaufpreises i.H.v. 4% p.a. ab Zahlung erhalten. Dies entspricht bis zum Verhandlungsschluss einem Betrag von weiteren 4.394,36 Euro, d.h. ungefähr der Höhe der abzuziehenden Nutzungsvorteile.

Das OLG Frankfurt hat einen solchen Anspruch abgelehnt.

Nach Auffassung des Oberlandesgerichts kann nach § 849 BGB zwar demjenigen, dem durch eine unerlaubte Handlung eine Sache oder Geld entzogen wird, als Mindestbetrag zur Kompensation für die erlittene Einbuße an Nutzungsmöglichkeit eine Verzinsung von 4% ab Entziehung gewährt werden. Der Kläger habe hier jedoch keinen Nutzungsausfall wegen des gezahlten Kaufpreises erlitten. Die Kaufpreiszahlung sei mit der Übertragung des Eigentums an dem Fahrzeug Golf VI und dessen uneingeschränkter Nutzung zwingend verbunden gewesen. Der Kläger habe nicht dargelegt, welche "erheblichen Einschränkungen der Funktionstauglichkeit" des Fahrzeuges schon zum Zeitpunkt der hier maßgeblichen Überlassung am 29.05.2013 konkret vorgelegen hätten und dass sich zum Zeitpunkt der Zahlung schon die Gefahr der Betriebsuntersagung gemäß § FZG in einem geringeren Verkehrswert des Fahrzeugs abgebildet habe.

Der Senat hat zur Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung die Revision zum BGH zugelassen. Kürzlich haben etwa das OLG Koblenz, Urt. v. 16.09.2019 - 12 U 61/19 und das OLG Karlsruhe, Urt. v. 19.11.2019 - 17 U 146/19 Zinsen ab Kaufpreiszahlung zuerkannt. Das OLG Karlsruhe, Urt. v. 06.11.2019 - 13 U 37/19 hat Zinsen abgelehnt.

17 U 113/18

Das OLG Frankfurt hat in einem weiteren Urteil bekräftigt, dass VW nicht auf Schadensersatz gegenüber Käufern haftet, die ihr Fahrzeug erst im Sommer 2016 erwarben.

Es liege kein Zurechnungszusammenhang zwischen dem grundsätzlich haftungsbegründenden Verhalten von VW (dem Entwickeln und Inverkehrbringen der mit dem Motor EA 189 ausgestatteten Fahrzeuge) und einer möglichen Schädigung späterer Erwerber dieser Fahrzeuge mehr vor. Dieser Zusammenhang sei vielmehr durch die von VW seit dem 22.09.2015 eingeleiteten Informationsmaßnahmen unterbrochen worden. VW habe jedenfalls im Sommer 2016 das zu diesem Zeitpunkt subjektiv und objektiv Mögliche getan, potentielle Gebrauchtwagenkunden vor etwaigen Vermögensschäden zu bewahren.

Der 17. Zivilsenat schließt sich damit im Ergebnis der Rechtsprechung des 13. Zivilsenats (OLG Frankfurt, Urt. v. 06.11.2019 - 13 U 156/19) an.

6 U 119/18

Schließlich hat das OLG Frankfurt erstmals zur Bewertung des sog. Thermofensters Stellung genommen.

Der Kläger hatte einen Mercedes Vito 114 CDI für knapp 60.000 Euro erworben. Das Fahrzeug verfügt über den Motortyp OM 651, Variante N1. Das Kraftfahrtbundesamt (KBA) hat diesen Fahrzeugtyp nicht zurückgerufen.
Der Kläger begehrte von der Daimler AG Rückzahlung des Kaufpreises abzüglich gezogener Nutzungen.
Das Landgericht hatte der Klage zum überwiegenden Teil stattgegeben.

Das OLG Frankfurt hat auf die hiergegen eingelegte Berufung die Klage vollumfänglich abgewiesen.

Nach Auffassung des Oberlandesgerichts steht dem Kläger kein Anspruch wegen vorsätzlicher sittenwidriger Schädigung zu, da ein Schädigungsvorsatz fehlt. Das vom Kläger gerügte Thermofenster führe dazu, dass bei Erreichen eines bestimmten unteren Temperaturgrenzwertes die Abgasreinigung abgeschaltet werde. Diese Abschalteinrichtung sei auf dem Prüfstand und auf der Straße aktiv. Für diese Abschalteinrichtung würden Gesichtspunkte des Motors bzw. Bauteilschutzes angeführt. Damit könne nicht ohne weiteres unterstellt werden, dass die Handelnden bzw. Verantwortlichen bei der Beklagten in dem Bewusstsein gehandelt hätten, möglicherweise eine unzulässige Abschalteinrichtung zu verwenden. Allein die Existenz eines sog. Thermofensters rechtfertige nicht den Rückschluss auf einen Schädigungsvorsatz.

Vorinstanzen

17 U 290/18
LG Limburg, Urt. v. 15.10.2018 - 1 O 61/18

17 U 113/18
LG Gießen, Urt. v. 19.01.2018 - 2 O 219/18

6 U 119/18
LG Hanau, Urt. v. 07.06.2018 - 9 O 76/18

juris-Redaktion
Quelle: Pressemitteilung des OLG Frankfurt Nr. 69/2019 v. 27.11.2019


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